Steuern 2.0

Wie so oft gibt es eher keine guten Nachrichten. Die „E Zigaretten“-Steuer, über die hier bereits berichtet wurde, kommt jetzt wohl in einer veränderten Form. Nachdem der erste Entwurf sich als nicht mehrheitsfähig erwiesen hatte, haben sich CDU und SPD zusammengesetzt und einen „Kompromissentwurf“ erarbeitet.

Ja, das ist noch nicht durch den Bundestag! Aber wer einen formalen Entwurf dazu (Drucksache 19/30490) einreicht, der ist sich da schon relativ sicher. Es ist schon noch etwas „Kaffeesatzleserei“ in dem Artikel drin!

Laut BftG und eGarage ist da jetzt folgendes rausgekommen:

Besteuert werden nikotinhaltige und nikotinfreie Flüssigkeiten als “Substitute für Tabakwaren”. Und zwar in Höhe von:

  1. für den Zeitraum 1. Juli 2022 bis 31. Dezember 2023 0,16 Euro je Milliliter;
  2. für den Zeitraum 1. Januar 2024 bis 31. Dezember 2024 0,20 Euro je Milliliter;
  3. für den Zeitraum 1. Januar 2025 bis 31. Dezember 2025 0,26 Euro je Milliliter;
  4. ab 1. Januar 2026 0,32 Euro je Milliliter.

Und das ganze kommt mit Steuerbanderole

Update:

Hier der Text der durch den Finanzausschuß ging. Der bisherige Text lässt Spielraum ob Aromen drin sind. Da müssen wir abwarten.

Beim privaten EU Import übernimmt man die bisherigen Regeln des Tabakrechts 1:1. Wo die Freimengen angesiedelt werden müßen wir abwarten. Aber es wird welche geben.

Was kommt da auf uns zu?

Vorab: Die Steuern, von denen ich ab jetzt rede, sind Nettosteuern! MwSt kommt da also jeweils noch drauf. Die Marge des Handels muss auch steigen. Bei der 10+ fachen Kapitalbindung ist das einfach nötig. Und ich nehme die Endsteuersätze, die ab 2026 greifen.

Aber wir wissen alle das Steuern, die mal da sind, eigentlich nur eine Richtung kennen: Nach oben!

Aus der geplanten „Nikotinsteuer“ in Höhe von 0,04€ pro mg Nikotin wird nun eine Steuer auf „Flüssiges das zum Dampfen gedacht ist“ in Höhe von 0,32€ pro ml. In der Praxis wird aus 8€ Steuern pro 20mg/ml Shot oder Podsalt Liquid nun 3,20€ pro 10ml.

Das hört sich ja nach einer Verbesserung an, oder ?

Für die Kunden, die Fertigliquids in hohen Nikotinstärken oder geschlossene Podsysteme dampfen, stimmt das auch.

Und jetzt kommt das (sehr böse) „ABER“:

Die 3,20€ fallen unabhängig vom Nikotingehalt an! Und nicht nur auf fertige Liquids und Shots, sondern auch auf Aromen, Long- und Shortfills und Base!

Ergo fällt auf einen Longfill, der mit 10ml Aroma vorgefüllt ist, auch 3,20€ Steuer an!

Ok … das wäre ja auch noch machbar.

Bei den Longfills mit 30ml Aroma merken wir aber, dass es de facto das Ende dieses Marktes als Folge haben wird. Kaum jemand wird 9,60€ netto mehr zahlen für ein Produkt, das bisher gerade mal um die 10€ brutto gekostet hat …

Von Shortfills mit 100ml overdosed Aroma drin welche dann 32€ mehr kosten nicht zu reden. Sowas wird es hier nicht mehr geben. Niemand kauft das dann noch!

Hochkonzentrierte Aromen sind der einzige Ausweg für Fachanbieter

Diese hatten wir 2015-2017 schonmal sehr stark am Markt. „Damals“ mit dem in Mode befindlichen „Wolkenwerfertum“ und 300W Fertigcoilern haben plötzlich viele Dampfer gemerkt, was für sie das Teure am Dampfen war: Das Aroma! Wenn man 100+ml Liquid am Tag „vernichtet“, kann selbst DIY (selbstmischen) massiv ins Geld gehen, wenn das „Dampfaroma“ mit 10-20% gemischt wird. Und plötzlich gab es von ganz vielen Anbietern Aromen, die mit 1-5% gemischt wurden (je nach Sorte und Anbieter halt).

Ab 2017 ging der Trend hin erst zu Shortfills und danach zu Longfills und Aromen, die wieder mit 10-20% gemischt werden. Einer der Vorteile von bereits gestreckten Aromen ist die kürzere Reifezeit. Da der Boom der hohen Leistungen und damit der Verbrauch zurückging, war das für die Kunden auch eine kostentechnisch akzeptable Option.

Man darf natürlich auch nicht vergessen, dass Chubbys nicht wirklich gut geignet sind, um sie mit 2-4ml Aroma drin auszuliefern. Das dann noch dazu extrem dünnflüssig ist.

So mancher Anbieter wird jetzt seine alten Rezepte von damals wieder entstauben müssen …

Und der eine oder andere Anbieter/YTer/etc muss sich dann fragen lassen, wie es sein kann, dass er lange behauptet hat, ohne 30ml Aroma in der 120ml Flasche könne man kein „Premium“ abliefern 🙂 . In Zukunft wird das komischerweise klappen 🙂 .

Die Base

Und hier erreichen wir das wirkliche Problem der Sache: Base ist natürlich auch einfach so dampfbar … ergo fällt auch sie unter die Steuer. Und da haben wir dann für den Handel das wirkliche Problem! Die 3,20€ für 10ml Aroma, das für sagen wir 120ml reicht – die schluckt der Kunde vermutlich schon. Wenn er aber für die 110 ml zum Auffüllen nochmal 35,40€ zahlen soll, dann wird das nicht passieren.

Obwohl wir dann am Ende mit um die 4,50€ pro 10ml Liquid immer noch auf dem Preisniveau von fertigen 10ml Liquids heute sind und zumindest der M2L Dampfer damit immer noch im Vergleich zu fertigen Kippen relevant spart.

Der Kunde wird es in der Mehrheit der Fälle nicht zahlen!

Ich bezweifele mal ganz offen, dass jemand überhaupt Steuerbanderolen für 1l Base einkaufen wird! Ausser vielleicht ein Hersteller für eine Protestaktion!

Geht man aber vom Dampfermarkt weg und in den Lebensmittelbereich, dann ändert sich zu heute nichts. Denn dann umgehen wir die Steuern! Und das ganz legal.

Umgehungen

Die meisten Leser von diesem Blog und auch die meisten Dampfer in der Blase werden sich jetzt schon denken:

Betrifft mich das eigentlich?

Die Antwort für diese Zielgruppe ist klar.

Jein!

Wer selber mischt, ist nur moderat betroffen. Wer aber primär Long- und Shortfill konsumiert, auf den kommen merkliche Änderungen zu.

Ok die Shots werden massiv teurer. Von aktuell Online um die 40 Cent auf knapp 4,5 Euro Brutto ist brutal. Aber das alleine zwingt keinen dazu, wieder zu rauchen. Base kauft man dann über den Chemikalienhandel, Aromen über den Lebensmittelhandel – und schon ist man das Thema eigentlich los. Bis auf Nikotin.

Man wird sich von dem einen oder anderen geliebten Long/Shortfill verabschieden müssen. Aber es geht weiter zu tragbaren Konditionen.

Und zumindest die „Blase“ wird, was ihre Shots angeht, wohl auch auf den EU Markt ausweichen. Auch wenn man als Besteller dort eigentlich auch „nachverzollen“ müsste. Wie jetzt schon bei Chinabestellungen. Tut das aber in der Praxis wer? Wenn nicht gleich gebunkert wurde oder wird.

Wen es aber massiv treffen wird, ist der Fachhandel!

Wir wissen alle, dass die Shops vom Flüssigen leben. Der 10ml Fertigliquidmarkt könnte das hier auch halbwegs überleben.

Der Long- und Shortfill Bereich und der Markt für „Dampfaromen“ werden in sich zusammenfallen.

Weniger als 20% der Shops (egal ob On- oder Offline) traue ich zu, das zu überleben. Der Rest wird schliessen! Und viele davon direkt mit dem ersten Steuerschritt. Denn wenn das jetzt verabschiedet wird, fängt gleich die nächste Abverkaufswelle an! Bis Juni 2022 muss „mal wieder“ alles abverkauft und durch neue Produkte mit Steuerbanderole ersetzt werden. Falls diese überhaupt rechtzeitig in ausreichender Menge und Vielfalt lieferbar sein werden. Die Erfahrungen mit der Umstellung 2017 auf TPD2 konforme Produkte und 2021 auf die Erfassung der Dampfaromen und Long/Shortfills ins TabakerzG lassen mich daran zweifeln, dass die Branche das jetzt besser hinbekommt.

In Ballungsgebieten werden einzelne Shops überleben, die dann in Zukunft primär von Hardware und 10ml Liquids leben. Das hatten wir schonmal bis 2015. Ging man damals in einen Shop, fand man primär Hardware und viele fertige 10ml Liquids. Aromen? Base? Eher weniger, und der ganze Premiumliquidmarkt fing erst langsam an. Long und Shortfills gab es noch nicht.

Mischen

Wer dampfen will und keine 10ml Liquids kaufen möchte wird mischen lernen müssen.

Ganz Oldschool wie früher.

Als ich angefangen habe, war es ganz normal, das man schon nach einer Handvoll Wochen selber gemischt hat. Es gab im Offi vor Ort 10-15 Sorten Fertigliquid in je verschiedenen Stärken und wer mehr wollte, hat mischen gelernt.

Es tut mir wirklich brutal leid um die Shops und das Personal.

Bei aller Kritik an vielen schwarzen Schafen in der Branche bleibt am Ende doch mein Mitleid mit denen die einen teils sehr schweren Job gut erledigt haben!

Dass es gesagt ist:

Wir wissen alle, das die Branche schon lange Lobbyarbeit gegen den Privatimport und zugunsten lokaler Regulierungen betrieben hat. Die 2020 verabschiedete Neuregulierung der Flüssigkeiten wurde von so manchem Hersteller und Verband zumindest intern gefeiert. Der flüssige Markt in D wurde dadurch fast komplett abgeschottet. Und man hat sich hier seine kleine „Oligopol“ Spielwiese erschaffen. Profitiert haben eine Handvoll Hersteller und Abfüller.

Und der Fachhandel durfte das ausbaden.

Der musste abverkaufen, und das war nicht leicht und nur unter hohem Kostendruck möglich. Und selbst ein Jahr danach sind viele Produkte immer noch nicht in angepassten Versionen lieferbar. Und damit meine ich „Alldays“, die seit Jahren erfolgreich am Markt sind! Kann der Dampfer sein Allday nirgends mehr kaufen, bleiben nicht viele Möglichkeiten: Entweder ein neues Allday finden (viele Dampfer hatten jahrelange Probierphasen, während derer es in ihren Regalen aussah wie bei einem gut sortierten Großhändler – ob sie das wohl noch einmal so wollen?) oder eine Alternative zum Dampfen (und wie die aussieht, dürfte wohl klar sein).

Jetzt beißt genau das die ganze Branche böse.

Fazit

Für uns Konsumenten geht es „Back to the Roots“. Selbst mischen und schauen, was wir woher bekommen. Aber für uns ist das, was kommt, machbar. Primär trifft es die Fachhändler. Und es wird in Zukunft wieder schwerer, neue Dampfer zu „rekrutieren“. Das war aber 2014 oder 2015 auch so … Da lief das meiste an Umsteigerberatung auch privat.

Die Branche wird großteilig daran scheitern.

Nein, darüber bin ich nicht glücklich.

Aber ich kann es (leider) nicht verhindern.

Wie seht ihr das Ganze ?