Die Pure Vape ist abgesagt – und wessen Schuld ist das?

Am 22.01.2020 wurde auf Facebook bekanntgegeben, dass die Messe „Pure Vape“ in München für dieses Jahr abgesagt ist (1). Die Erklärung der Veranstalter lautet, dass durch die negative Berichterstattung in den USA viele Händler und Hersteller massive Umsatzeinbrüche zu verzeichnen haben und daher nicht an den vielen für 2020 geplanten Messen teilnehmen können. „Damit die Kunden sich nicht mit einem weniger attraktiven Angebot zufriedengeben müssen“, wurde die Messe ganz abgesagt. Dass am gleichen Wochenende eine weitere Messe zum Thema dampfen in Hannover stattfindet, hat die Suche nach Ausstellern sicher nicht erleichtert.

Die Reaktionen

Interessant an diesem Thema waren die sehr vehement geäußerten Sichtweisen etlicher social media Teilnehmer sowohl in den Kommentaren unter dem Posting des Veranstalters als auch in den Gruppen, in denen diese Information geteilt wurde.

Schuld ist – wer hätte es auch anders vermutet – der Kunde! Mit geradezu abenteuerlichen von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge-Erklärungen überbieten sich Händler, Hersteller und Youtuber gegenseitig darin, die Käufer dafür verantwortlich zu machen, dass wir Preise vergleichen und tatsächlich auf Messen auch Messepreise (wie in jeder anderen Branche) erwarten.

Dieses Zitat aus den Kommentaren ist beinahe schon amüsant, sind es doch Hersteller wie D***, K****, B*****, V**** usw. (sind das Ausländer?!), die eine Bühnenshow veranstalten und ihre Proben in die Menge werfen, während Youtuber rappen. „… für uns geht es bergauf, für euch geht es bergab“ , das ist ganz sicher eine Aussage, die von Respekt für die Käufer zeugt. Oder auch nicht. Mehr oder minder bekleidete „Damen“, die sich im Pole Dance versuchen, geben so einer Fachmesse auch gleich den richtigen fachlichen Touch!

Na klar, die Instagramm Ratten! Das sind die Leute, die für die Händler und Hersteller die Produkte in die Gegend halten, und dazu #beschde schreiben, auch wenn es zum tausendsten Mal das gleiche übersüßte oder mit Koolada zugeballerte Erdbeer-Melone-Liquid ist. Aber natürlich wäre es besser, wenn sie auch noch dafür zahlen würden, dass sie diesem neu erschienenen Abklatsch zu einer kurzlebigen Bekanntheit verhelfen dürfen.

Stimmen in Gruppen

Im Dampferhorizont wurde das Thema ausführlich diskutiert (2). Obwohl vom Themenersteller eine andere Richtung der Fragestellung vorgegeben war, dauerte es auch dort nicht lange, bis jemand die Kunden als die Schuldigen identifiziert hatte.

Da will man doch fast in Tränen ausbrechen, oder? Ich habe es so richtig vor meinem geistigen Auge, wie die liebevollen Händler und Hersteller das Schmarotzerpack, das nur gut genug dafür ist, 100 ml Shortfills für 30 € zu kaufen, unter Aufbietung ihrer letzten finanziellen Mittel (Frau und Kinder müssen bereits hungern!) generös beschenken. Ist ja nicht so, dass sie nicht mehr als einmal „Limited Editions“ zu horrenden Preisen auf den Markt geworfen hätten… Zudem gab es diese kurze Zeit später oft in der Ramschkiste zu Schleuderpreisen. Auch als Limited Edition will niemand das zwölf Millionste Erdbeer-Sweetener-Gebräu kaufen. Doppelt ärgerlich also für diejenigen, die tatsächlich aus einem Sammlergedanken heraus (oder warum auch sonst…) so viel dafür bezahlt haben. Für solche Abzocke ist der Kunde gut genug – aber Giveaways zu erwarten macht ihn zur „gierigen Crowd“?

Ja nee, is klar 🙂 . China wurde in der zweiten Hälfte des Jahres 2019 entdeckt, beinahe zeitgleich mit der TPD2! Und sofort haben sich alle knapp 4 Millionen Dampfer in Deutschland wie die Geier in Handelsbeziehungen mit Fernost gestürzt. Sie müssen schliesslich immer den allerneusten Pod in der Tasche haben.

Gerade 2019 – wo es die Händler, nachdem sie das jahrelang verschlafen hatten, endlich schaffen die Neuheiten so rechtzeitig anzumelden, dass der Verkaufsstart in D quasi zeitgleich mit dem in China ist – ist die TPD2 plötzlich Schuld das wenig interessantes „Neues“ angeboten wird.

Oder war es vielleicht doch eher so, dass die neue Geräte bereits Wochen vor Verkaufsstart von Youtubern in die Kamera gehalten und mit #beschde beworben wurden und der Hype mittlerweile weitergezogen ist und das nächste #beschde beworben wird? Dass dann keiner mehr das Produkt will, weil der nächste „heiße Scheiss“ schon im Kommen ist, entbehrt nicht einer gewissen Logik. Ein hausgemachtes Problem in unseren Augen! Trotzdem ist der Anteil der Dampfer, die tatsächlich Youtube schauen, relativ gering. Und von denen bestellen auch längst nicht alle in China. Das ist nur eine ganz kleine Minderheit selbst in der „Facebook-Blase“ innerhalb der Dampferszene. (3)

Auch dieses Statement ist bemerkenswert in seiner Naivität. Wenn der Hersteller keinen Bock hat, jemandem seine Sachen zu erklären, ist die Chance relativ gering, dass jemand sie kauft, oder? Und natürlich nimmt jeder seine allerbeste Hardware mit auf eine Messe, weil dort noch nie etwas gestohlen wurde – ach halt, da war doch was…!

Auch das ständige Clone-Bashing wird den Tatsachen nicht gerecht. Wer einen Clone kauft, um zu testen, ob ihm ein Verdampfer liegt, würde ohne Test auch kein Original kaufen, nach dem Test aber möglicherweise. Wer einen Clone kauft, weil er sich kein Original leisten kann, würde sich eben kein Original leisten können. Vielfach sind Originale nicht zu bekommen, weil sie nicht in Stückzahlen hergestellt werden, mit denen die Nachfrage befriedigt werden kann. Aber das ist ein anderes Thema, das wir sicher auch noch einmal aufgreifen werden…

Die wirklichen Gründe

Unserer Meinung nach haben die Veranstalter auch im Messethema übertrieben. Über 20 geplante Messen in diesem Jahr wollen die Kunden nicht besuchen. Und die Aussteller können es sich definitiv nicht leisten, beinahe zweimal im Monat über´s Wochenende mit Benzin-, Hotel- und Transportkosten zuzüglich Standmiete, Entertainmentprogramm und Giveaways durch die Gegend zu gondeln. Eine Messe ist für Aussteller – die nicht mit dem Tapeziertisch und einem Trödelmarktsortiment kommen – selten ein gutes Geschäft.

Wenn man da „auf null“ rausgeht, war es eigentlich schon eine erfolgreiche Messe.

Immer wieder wird nicht bedacht, dass es nicht die Masse der Dampfer ist, die auf Messen geht. Die allermeisten mittelalten Ex-Raucher(innen!) sitzen – wie früher auch – gemütlich zu Hause und nutzen ihre einfachen Podsysteme oder Basisgeräte. Sie sind zufrieden, dass sie nicht mehr rauchen und haben gar nicht das Bedürfnis, sich so einen Rummel anzutun. Die „Freaks“ wiederum, die auf Messen Neuigkeiten erwarten, Besonderheiten sehen und anfassen wollen und evtl. sogar mit interessanten Leuten sprechen wollen, lockt man mit einem Boxkampf zwischen Youtubern nicht hinter dem Ofen hervor.

Das war deutlich auf der Steamers Paradise in Düsseldorf zu sehen, von der berichtet wurde, dass sie „durchaus gut besucht“ war. Was wie „war stets bemüht“ in einem Arbeitszeugnis klingt, wenn man dort war und erlebt hat, dass am Sonntag mittag um 14.00 – und damit eigentlich zur „Prime Time“ – die Halle mehr Aussteller und Influencer enthalten hat als „Kunden“. Wir haben natürlich mit einigen Ausstellern gesprochen; sie sagten (genau wie der eine oder andere Influencer in seinem Bericht zur Messe), dass der Sonntag sogar noch der Tag mit mehr Besuchern in der Halle war.

Auch beim besten Programm allerdings gehen diese Hardcoredampfer nicht jeden Monat auf eine Messe. Selbst die Option, sich mit preisgünstigen Liquids einzudecken, hat sich irgendwann erledigt, denn genau diese Vielkäufer haben inzwischen oftmals solche Mengen nicht verbrauchter Liquids zu Hause herumstehen, dass sie damit selbst eine Messe abhalten könnten. Das gleiche gilt für Hardware.

Ein erfolgversprechendes Konzept?

Die Aufsplittung der „Blase“, weil jeder Händler und Hersteller sein eigenes Ding machen will, führt immer wieder dazu, dass für keinen genug bleibt. Die Aussteller müßten sich also zunächst mal an einen Tisch setzen und sich auf 3 oder 4 gut organisierte, wirklich attraktive Veranstaltungen, zeitlich und räumlich gut verteilt, einigen.

Was wäre eine „attraktive Veranstaltung“ für den, der eigentlich schon alles hat, was er braucht?

  • Die Lautstärke sollte ein gewisses Mass nicht überschreiten. Will man nicht nur das junge Publikum ansprechen, sondern vor allem auch die kaufkräftigen älteren Dampfer, sollte man sich auch über die Musikrichtung Gedanken machen.
  • Messen könnten und sollten mit dem Release von wirklichen Innovationen zusammenfallen. Richtig gut wäre dann noch, diese Neuheiten ohne die in der Branche üblichen „ooops da ist was schiefgegangen, beim nächsten Batch bessern wir das nach“-Fehler vorzustellen.
  • Podiumsdiskussionen mit interessanten Gesprächsteilnehmern (Philgood, Professor Bernd Mayer…) über die neusten Studien und zu erwartenden gesetzlichen Entwicklungen könnten dazu beitragen, dass mehr Dampfer verstehen, warum es zB keine gute Idee ist, jetzt noch zu versuchen, eine Verkaufsgruppe auf Facebook zu eröffnen. Oder eine andere amerikanische Plattform für jedwede Werbung bzw. Verkauf zu nutzen.
  • Ausländische Aussteller und Highend-Hersteller, deren Geräte es nicht an jeder Ecke gibt, sind ebenfalls ein interessanter Teil von Messen. Gerade bei kleineren Anbietern ist vielleicht die „Zugkraft“ wichtiger als eine hohe Standgebühr, die möglicherweise dazu führt, dass nicht ausgestellt wird.

Was wäre für euch ein Grund, eine Messe zu besuchen? Was wäre ein NoGo? Gerne lesen wir eure Kommentare auf Facebook

(1) https://www.facebook.com/purevapemunich/posts/1012621395761444

(2) https://www.facebook.com/groups/DampferHorizont/permalink/2800322333393880/

(3) https://www.facebook.com/groups/DampferHorizont/permalink/2596362787123170/